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Deutschland im Blaulicht. Notruf einer Polizistin, T. Kambouri
Deutschland im Blaulicht. Notruf einer Polizistin, T. Kambouri


946 909    T. Kambouri


Deutschland im Blaulicht. Notruf einer Polizistin


Tania Kambouri, erlebt immer wieder Einsätze, bei denen sie wüst beschimpft und beleidigt wird. Jetzt setzt sie sich zur Wehr: »Ich will den Finger in die Wunde legen, auch wenn mir bewusst ist, wie explosiv das Thema ist«.

»Ein authentischer Bericht aus dem Polizeialltag.«
Arnold Plickert, Gewerkschaft der Polizei, Nordrhein-Westfalen
Tania Kambouri hatte genug. Wieder einer dieser Einsätze, bei denen ihr kein Respekt entgegengebracht, sondern sie stattdessen wüst beschimpft und beleidigt wurde. Der türkischstämmige Mann, der die Polizei um Hilfe gerufen hatte, war empört: Was wollte diese »Bullenschlampe« von ihm? Warum kam eine Frau – und kein Mann – zum Einsatzort? Vorkommnisse dieser Art erleben Polizisten im Einsatz immer öfter. Als Polizistin und Frau griechischer Abstammung ist Tania Kambouri den Angriffen auf der Straße besonders häufig ausgesetzt.
Jetzt setzt sie sich zur Wehr: »Ich will den Finger in die Wunde legen, auch wenn mir bewusst ist, wie explosiv das Thema ist«.


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Leseprobe zu »Deutschland im Blaulicht«
Vorwort


Die Leitstelle schickte meine Kollegin und mich nach ­Bochum-Hamme. Als Kind habe ich viel Zeit in dieser Gegend verbracht, habe Freunde zum Spielen getroffen – heute gehe ich dort nur noch hin, wenn ich muss. Kleine alteingesessene Läden wurden nach und nach geschlossen, das Viertel ging im Lauf der Jahre immer weiter den Bach runter, und jeder, der die Möglichkeit dazu hatte, zog in bessere Stadtteile oder gleich ganz weg. Keine besonders ein­ladende Gegend im Bezirk Bochum-Mitte. Bereits in meiner Kindheit wohnte hier eine Vielzahl von Ausländern, überwiegend Türken. Natürlich gab es unter uns Kindern hin und wieder auch mal Gerangel, und einmal wurde ich dort sogar von einer Bande türkischer Kinder auf meinem Fahrrad angegangen, damals ein Einzelfall. Aber so weit dachte ich bei unserem Einsatz gar nicht, das sind Erinnerungen, die beim Schreiben auftauchen. Wenn ich heute in diesen Stadtteil komme, geht es oft um Schlimmeres.
Ein Mann hatte den Notruf gewählt und um Hilfe gebeten. Er habe irgendwelche Personen auf einem Balkon wiedererkannt, es blieb allerdings unklar, was genau sie gemacht haben sollten oder was der Anrufer ihnen vorwarf. Und ehrlich gesagt, haben wir auch nicht herausgefunden, wie und wobei wir dem Mann hätten helfen können. Er ­erwartete uns bereits, als wir in die kleine Straße bogen und auf der gegenüberliegenden Straßenseite hielten. Als er uns sah, winkte er und wurde sofort laut: »Warum parkt ihr da drüben? Ich bin hier. Kommt endlich her.« Der Mann war zweifelsfrei sehr aufgebracht, und es dauerte nicht lange, bis meine Kollegin und ich feststellten, dass er nicht etwa wütend war, weil ihm Schlimmes widerfahren wäre, sondern weil die Polizei so unverschämt war, ihm zwei Frauen zu schicken. Er war, wie sich herausstellte, ein türkischer Mitbürger.
Ich sagte ihm, dass er etwas höflicher mit uns Polizisten sprechen solle, wenn er unsere Hilfe in Anspruch nehmen wolle. Seine Antwort: »Geht weg, ich brauche eure Hilfe nicht!«
Es ist in solchen Fällen immer schwierig abzuwägen, wo im Rahmen der geforderten Verhältnismäßigkeit unserer Maßnahmen eine Grenze überschritten wird – doch in ­diesem Fall war es eindeutig: Der Mann wollte uns nicht sagen, warum er die Polizei gerufen hatte, er reagierte nicht auf unsere Fragen. Also fuhren wir zunächst weiter, hielten uns aber in der Nähe auf, falls er es sich noch einmal ­anders überlegen sollte und die Angelegenheit eventuell doch wichtiger war als das Ärgernis zweier Frauen in Uniform. Kaum hatte ich der Leitstelle den Vorfall gemeldet, rief der Mann dort ein zweites Mal an und verlangte, dass männ­liche Polizisten zu ihm geschickt werden sollten. Die würden besser arbeiten.
Die Leitstelle hielt Rücksprache mit uns, und wir waren uns einig, dass meine Kollegin und ich erneut zu ihm ­fahren würden. Wir waren uns auch einig, dass wir den Einsatz beenden würden, falls sich der Mann weiterhin weigern sollte, sich von zwei Frauen helfen zu lassen. Die Polizei zu rufen ist kein Wunschkonzert. Wenn jemand das anders sieht, zählt auch Aufklärungsarbeit zu unseren Aufgaben. Wieder am Einsatzort fragte ich ihn also in ruhigem Ton, ob wir jetzt vernünftig miteinander reden könnten. Und was geschah? Er schrie uns an, was das jetzt schon wieder solle, er hätte Männer verlangt.
Wir zögerten keine Sekunde und fuhren davon. Einsatz­ende.

Mir ist bewusst, dass diese Szene für einen Außenstehenden, der keine Einblicke in die tägliche Polizeiarbeit hat und die Vorgeschichte dieses Einsatzes nicht kennt, auf den ersten Blick befremdlich wirken kann: der arme hilfesuchende türkische Mitbürger und die herzlose, vielleicht sogar rassistische deutsche Polizei. In Wahrheit frustrieren uns genau solche Einsätze wahrscheinlich mehr als die »Hilfesuchenden«, die sich in ihrem archaischen Weltbild nur ein weiteres Mal bestätigt sehen. Es sind Einsätze wie dieser, die immer mehr zum Normalfall für mich werden. Dabei sind sie alles andere als normal – sie überschreiten mehr als eine Grenze: kein ­Re­spekt vor Frauen, kein Respekt vor der Polizei, kein Re­spekt vor dem Staat, in dem wir leben. Waren es vor Jahren noch Einzelfälle, die Kopfschütteln und Empörung bei mir und meinen Kollegen auslösten, werden sie heute zur Kenntnis genommen wie der Wetterbericht. Trauriger Alltag, nicht nur in Bochum.
Der geschilderte Fall ist bei Weitem nicht der schlimmste, sondern lediglich guter Durchschnitt. Ich habe ihn bewusst ausgewählt, denn es geht mir hier nicht um die spektakulärsten Kriminalfälle meiner Karriere, sondern um das, was ich jeden Tag im Dienst (und auch privat) erlebe und beobachte, was ich erleben und beobachten muss. Ich muss Sie vorwarnen: Es ist kein schönes Bild, das sich da abzeichnet. Es ist beunruhigend – im besten Fall –, teilweise ist es auch beängstigend. Und ich befürchte, es wird nicht besser. Von alleine erst recht nicht.
Nicht umsonst heißt dieses Buch Deutschland im Blaulicht – Notruf einer Polizistin: Die Zunahme von Respekt­losigkeit und Aggressivität in unseren Städten ist mehr als auffällig. Und man kommt nicht um die Feststellung herum, dass sich straffällige Personen mit Migrationshintergrund, vor allem junge Männer aus muslimisch geprägten Ländern, dabei besonders hervortun. Das soll keine Pauschalverurteilung sein und schon gar keine rassistische Vorverurteilung aufgrund der Herkunft oder des Glaubens, aber es ist schlichtweg eine Tatsache, dass manche Bevölkerungsgruppen bei bestimmten Verhaltensmerkmalen und Straftaten auffallend überrepräsentiert sind. Es wird in diesem Buch deshalb viel um Menschen gehen, die ihre ­familiären Wurzeln in der Türkei und im Nahen Osten ­haben und vorwiegend muslimisch geprägt sind. Auch Osteuropäer und Sinti und Roma werden eine Rolle spielen. Natürlich begehen auch Bürger ohne Migrationshintergrund Straftaten. Die erste Frage lautet jedoch immer, warum es zu einer Straftat kam und wie man sie in Zukunft verhindern kann. Und wenn der Migrationshintergrund bei der Beantwortung dieser Fragen von Bedeutung ist, wird er erwähnt. Dann darf er meiner Meinung nach auch nicht verschwiegen oder kleingeredet werden.
Respektlosigkeit und Aggressivität nehmen nicht einfach nur zu, ich behaupte sogar, das archaische Recht des Stärkeren wird immer mehr zur Realität auf unseren Straßen. Es gibt Ecken in Bochum, in die fahren wir als Polizei bei manchen Einsätzen, insbesondere zu bestimmten Tages­­zeiten, nicht mehr mit einem einzelnen Wagen – vorausgesetzt, die Kapazitäten lassen es überhaupt zu. Oft begeben wir uns selbst in Gefahr, weil wir mit zu wenigen Einsatzfahrzeugen eintreffen. Viele meiner Kollegen haben schon abgestochene Autoreifen und noch schlimmere Attacken bis hin zum Schusswaffengebrauch erlebt.
Und was für Bochum gilt, gilt für viele andere deutsche Großstädte natürlich in gleicher Weise. Die Berichte von Kollegen bestätigen das regelmäßig. Und da seit Jahren ­immer mehr Menschen die ländlichen Gegenden verlassen und die Städte wachsen und wachsen, zeigen uns unsere Großstädte schon heute die wichtigsten Schwachpunkte von morgen. Und zwar nicht nur bei Energieverbrauch, ­Infrastruktur und Mobilität, sondern vor allem auch beim Thema Integration.
Mein Anliegen ist es daher, auf Missstände hinzuweisen, die mir als Polizistin und auch ganz normale Bürgerin seit Jahren immer stärker auffallen, die mich stören und ­beunruhigen. Dabei werde ich den Finger in so manche Wunde legen (müssen), auch wenn mir bewusst ist, dass der Grat manchmal schmal ist, gerade bei diesem Thema: Viele meiner deutschen Kollegen bestätigen mir, dass sie sich oft nicht trauen, das Verhalten von Menschen mit ­Mi­grationshintergrund in der Öffentlichkeit zu kritisieren. Sehr schnell würde einem das als Fremdenfeindlichkeit oder Islamophobie ausgelegt, gerade in Deutschland. Dann schweigt man lieber. Es geht mir aber wie gesagt nicht um Provokation, schon gar nicht um das Schüren von Ressentiments oder die pauschale Verurteilung einzelner Bevölkerungsgruppen. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, und ich bin Griechin, habe die doppelte Staatsbürgerschaft. Mit Ausländerfeindlichkeit und Rassismus habe ich nichts am Hut. Das ist das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann – ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe es selbst schon erlebt, von verschiedenen Seiten.
Das Thema liegt mir deshalb besonders am Herzen – es geht mir nicht um meine Person, es geht mir um die Sache. Und da ich als Frau, als Polizistin und mit meinem grie­chischen Migrationshintergrund drei Perspektiven vereine und dadurch Einblicke habe, die vielen anderen Bürgern verwehrt sind, sehe ich mich fast schon in der Pflicht, das Thema zur Sprache zu bringen. Nicht zuletzt, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass viele meiner Mitmenschen sich gar nicht bewusst sind, was um sie ­herum alles passiert. Als Polizistin sehe ich immer wieder Dinge, die sich viele Mitbürger nicht vorstellen können. Gerade für pro­blematische Entwicklungen kann die Polizei mit ihren Erfahrungen in Problembereichen wie ein Seismograf funk­tionieren. Wir erkennen oftmals frühzeitig, was für große Teile der Bevölkerung noch nicht zu erahnen ist. Meine Erkenntnisse, gerade in Bezug auf das drängende Thema der Integration, möchte ich deshalb in diesem Buch mit der ­Öffentlichkeit teilen.
Manche Dinge kann die normale Bevölkerung nicht ­sehen – andere will sie nicht sehen. Da dieses Wegsehen ein Teil des Problems ist, werde ich mich nicht nur mit den Migranten, sondern auch mit Politik, Justiz und Polizei und der Gesellschaft als Ganzes beschäftigen. Keiner darf länger die Augen davor verschließen: Es ist nicht das Problem von »denen«, ganz gleich, wer damit gemeint sein soll.
Es sind mittlerweile nicht mehr nur einzelne Vorkommnisse, die mir und meinen Kollegen Sorge bereiten. Dann wäre die Frage der Schuld wahrscheinlich auch schnell ­geklärt. Nein, es ist eine breitere, eine grundlegendere ­Entwicklung zu erkennen, die sich auf die gesamte Ge­sellschaft auswirkt. Ich lehne mich nicht aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass sich Parallelgesellschaften mit festen Strukturen herausgebildet haben, die bereits heute nicht mehr einfach aufzulösen sind. Wir haben – als Gesellschaft, als Polizei, als Justiz, nicht zuletzt die Politik – so lange tatenlos zugeschaut, dass uns heute teilweise gar nichts anderes mehr übrig bleibt, als tatenlos zuzuschauen, wenn wir nicht schnell und konsequent handeln. Der eingangs ­geschilderte Fall ist nur ein Beispiel von vielen. Traurig, aber wahr: Sogar als Polizistin muss ich erleben, dass wir in ­bestimmten Situationen immer hilfloser werden. Auch von diesen werde ich offen und ehrlich berichten.
Zwei Entwicklungen fallen in den letzten Jahren besonders auf. Zum einen, dass unsere Klientel immer jünger wird – das Problem wächst sich also nicht aus, im Gegenteil: Es verfestigt und verbreitet sich. Zum anderen muss man feststellen, dass die Schwierigkeiten nicht nur zahlenmäßig zunehmen, sondern auch in ihrer Intensität. War der eingangs erwähnte Einsatz fast noch ein harmloser Fall von ­Respektlosigkeit, entladen sich viele Spannungen zunehmend heftig – nach meinen persönlichen Erfahrungen vor allem bei straffälligen Personen aus dem muslimischen Kulturkreis. Jederzeit drohen Situationen zu eskalieren, selbst bei kleinsten Anlässen, meist absolut unvorhersehbar.
Klar, das gehört doch alles zum Beruf der Polizistin dazu, könnte man einwenden. Aber die Missstände sind über die letzten Jahre stellenweise so massiv geworden, dass es höchste Zeit wird, etwas zu ändern. Es wird sogar höchste Zeit, einiges Grundlegendes zu ändern. Falls wir das unterlassen, uns stattdessen noch länger von Sozial­romantikern und Kulturrelativisten blenden lassen oder die Probleme weiterhin nur halbherzig angehen, steht unsere Gesellschaft vor einer inneren Zerreißprobe. Das ist weder polemisch noch populistisch zu verstehen, schließlich sind die Spannungen zwischen Migranten, Flüchtlingen und Einheimischen eine der größten sozialen und politischen Herausforderungen weltweit, gerade wenn auch noch religiöse Weltanschauungen ins Spiel kommen.
Es ist ein globales Phänomen, das sich natürlich auch bei uns abzeichnet, schließlich sind wir seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland. Ich sehe (nicht zuletzt aufgrund meines eigenen Migrationshintergrunds) die große Dimen­sion des Themas, aber als ganz normale Polizistin und Bürgerin in Deutschland beschäftigt mich natürlich vor allem, wie es sich direkt vor unserer Haustür äußert. Deshalb richtet sich dieses Buch als Appell an alle, die in diesem Land leben: Mitbürger und Migranten, Politiker und Polizisten, Richter und Lehrer, Eltern und Kinder, Journalisten und Medienvertreter, Arbeitnehmer und Arbeitslose, Gläubige und Atheisten, kurz: die ganze Gesellschaft und die Gesellschaft als Ganzes. Es hat keinen Zweck, immer nur den Schwarzen Peter an die nächste Gruppe weiterzu­geben (»Die Migranten sind schuld«, »Die Polizei ist schuld«, »Die Politik ist schuld« etc.).
Natürlich ist mein Blick geprägt von meinen Erlebnissen als Polizistin, insbesondere seit ich als Streifenpolizistin im Ruhrgebiet arbeite. Es ist nicht nur die am dichtesten besiedelte Region, hier leben deutschlandweit auch die meisten Migranten. Was ich dort Tag für Tag an Pöbeleien, Beleidigungen und kriminellem Verhalten erlebe – gegenüber uniformierten Beamten, gegenüber Frauen und ganz allgemein –, hat ein Ausmaß angenommen, das ich nicht länger akzeptieren kann und will.
Es geht also zunächst um eine allgemeine Respektlosigkeit, die aus meiner Sicht vielerorts um sich greift. Aber ­daraus erwachsen Folgen, die die Gesellschaft als Ganzes betreffen. Und deshalb geht es in einem weiteren Schritt um die Missachtung von Grundgesetz und Menschenrechten, um in jeder Hinsicht autarke Parallelstrukturen, um abhandengekommenen Integrationswillen, aber auch um Wegschauen, Verdrängen, Ignorieren und um Hilflosigkeit. Ich will, dass wir etwas dagegen unternehmen, weil es sonst nur noch schlimmer wird. Es ist nicht mein Anliegen, einfach nur zu jammern und meinen Frust abzubauen. Im Gegenteil: Ich möchte dazu beitragen, ein für viele beängstigendes Problem klar anzusprechen, Ursachen zu benennen und zu einer gemeinsamen Lösung zum Besten aller beizutragen.

Ich habe mir genau aus diesem Grund schon einmal Luft verschafft, indem ich einen Leserbrief an die Deutsche ­Polizei, die Zeitschrift der Gewerkschaft der Polizei, geschrieben habe. Das war im Oktober 2013, erschienen ist der Brief dann in der Novemberausgabe (im Wortlaut im Anhang zu finden) – also etwa zwei Jahre vor Erscheinen dieses Buches. Das Feedback war gewaltig, mein Postfach quoll buchstäblich über, die Reaktionen meiner Kollegen von der Nordseeküste bis zum Alpenrand waren zu 99 Prozent positiv, die Erleichterung war förmlich zu spüren: Endlich redet mal jemand Tacheles. Denn viele meiner deutschen Kollegen trauen sich nicht, zum Thema »straffällige Personen mit Migrationshintergrund« klar Stellung zu beziehen oder überhaupt etwas zu äußern, aus Angst davor, in die rechte Ecke gestellt und als Rassist abgestempelt zu werden. Die political correctness ist hierbei ohne Zweifel zu einer Fußfessel geworden – nicht nur für Polizisten, aber für die offensichtlich in besonderem Maße.
Umso erleichterter waren viele meiner Kollegen, dass es mir als Griechin möglich war, den Finger in die Wunde zu legen, ohne in den Verdacht zu geraten, ausländerfeind­liches Gedankengut verbreiten zu wollen. Denn das Thema »straffällige Personen mit Migrationshintergrund« ist nicht nur bei der Polizei, sondern in der ganzen Gesellschaft, in Politik und Medien nicht erst seit Pegida oder den Anschlägen von Paris und Kopenhagen ein Pulverfass.
Dabei geht es mir nicht nur um tragische Extremfälle wie den Selbstjustiz-Doppelmord, der direkt vor dem Landgericht in Frankfurt am Main unter Afghanen verübt wurde, den halb totgeschlagenen Rentner in München, der in der U-Bahn zwei junge Männer (einen Griechen und ­einen Türken) auf das Rauchverbot hinwies, oder den Tod von Tu?çe auf dem McDonald’s-Parkplatz in Offenbach, die allesamt ein großes mediales Interesse fanden. Mir geht es auch nicht um die Bedrohung durch Anschläge ­irgendwelcher Extremisten, seien sie islamistisch, links­radikal oder rechtsradikal verblendet wie der NSU. Mir geht es vor allem um die vielen großen und kleinen Taten, bei denen die meisten von uns einfach wegschauen, weil wir nichts damit zu tun haben wollen. Die sind es, die den letzten Rest an Gemeinschaftsgefühl immer weiter untergraben, mehr noch als die vergleichsweise seltenen Gewalt­exzesse. In deren Folge flammt zumindest kurzzeitig die Debatte um Zivilcourage, Solidarität und Nächstenliebe auf. Das ist nicht zynisch ­gemeint: Jedes einzelne Opfer ist ein viel zu hoher Preis für die viel zu kurzen Momente des Innehaltens. Bevor alles weitergeht wie gehabt.
Ich wurde infolge meines Leserbriefs von der Polizei­gewerkschaft zu einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Landesdelegiertentags in Dortmund eingeladen. Dort konnte ich Anfang April 2014 unter anderem neben meinem obersten Dienstherrn, NRW-Innenminister Ralf Jäger, dem Düsseldorfer Polizeipräsidenten, Norbert Wesseler, und dem Landes- und stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Arnold Plickert, meine kritische Sichtweise und meine Erfahrungen zum Thema »Gewalt gegen Polizisten« zum Ausdruck bringen – an höchster Stelle sozusagen. Jetzt wurde ich auch von den Medien wesentlich mehr wahrgenommen als noch beim Erscheinen meines Briefs ein knappes halbes Jahr zuvor. Fast alle überregionalen und etliche regionale Zeitungen berichteten über meinen »Brandbrief«, auch im Fernsehen, zum Beispiel bei hart aber fair, wurde ich erwähnt. Für ­öffentliches Interesse war jedenfalls gesorgt. Unter Überschriften wie »Hilferuf einer Polizistin«, »Bruder oder Verräter« oder »Wir verlieren Macht und Respekt« wurde über meinen Brief und die 450 Kollegen, die mir bei der Podiumsdiskussion lautstark applaudierten, berichtet. Innenminister Jäger sagte seine Unterstützung zu und drückte angesichts der von mir geschilderten Zustände sein Bedauern aus: »Ich verstehe die Kollegin gut.« Und wieder dieselbe Reaktion wie schon bei Erscheinen meines Leserbriefs, zahlreiche Kollegen gratulierten mir zu meinem Auftritt: »Endlich sagt es mal jemand laut.«
So falsch kann ich mit meinem »Aufschrei« also nicht gelegen haben. Ich erfuhr auch vonseiten meiner Vorgesetzten, von der Dienstgruppenleiterin über den Inspek­tionsleiter bis hin zur Bochumer Polizeipräsidentin, Unterstützung für mein Anliegen. Selbstverständlich war das nicht, da mein Leserbrief mit niemandem vorher abgesprochen war. Und angesichts des Wirbels, den ich verursacht hatte, war ich optimistisch, damit eine Veränderung zum Guten angestoßen zu haben.
Bei aller Geduld für Änderungsprozesse, die natürlich niemals von heute auf morgen über die Bühne gehen, musste ich allerdings feststellen: Es hat sich bis heute nichts geändert. Null. Viel Rauch … um nichts!
Doch so schnell gebe ich nicht auf. Nein, ich werde mich nicht mit einem »Kann man nichts machen« ins Heer der Resignierten einreihen. Stattdessen versuche ich mit diesem Buch jetzt noch einmal, etwas zu bewegen, und bin dankbar, dass mir der Piper Verlag die Gelegenheit dazu gibt. Nicht zuletzt die vielen positiven Zuschriften meiner Kollegen haben mich darin bestärkt, diesen Schritt zu ­wagen. Denn leider kommt man um den Eindruck nicht herum: Viele Polizisten stehen kurz davor, aufzugeben, zermürbt vom Kampf um (mehr) Respekt. Ich bin der ­Meinung, dass wir uns nicht (mehr) alles bieten lassen sollten – nicht nur als Polizisten, sondern vor allem als ­Gesellschaft. Das wäre ein fatales Zeichen an alle Einwohner ­unseres Landes.

Ich könnte wetten, dass bei Ihnen direkt ein paar Schub­laden aufgegangen sind, als Sie die ersten Zeilen dieses Vorworts gelesen haben: Frau, Migrationshintergrund, Polizei … klar, das machen wir alle. Im Wust an Informationen, die permanent auf uns einprasseln, versuchen wir irgendwie Schritt zu halten, und unser Hirn kramt, ohne dass wir es großartig steuern würden, in seinem großen Speicher nach vergleichbaren Erinnerungen, Erlebnissen, Bildern. Wir ordnen Menschen, Aussagen, Ereignisse reflexartig ein – gerade als Polizistin, die täglich schnelle Entscheidungen treffen muss, ist mir das mehr als vertraut. Und deshalb weiß ich auch, dass sich die ersten Schubladen bei Ihnen bereits öffneten, bevor Sie dieses Vorwort überhaupt aufgeschlagen haben: das Foto auf dem Cover, der Titel, der Untertitel, mein Name, das Thema …
So natürlich und hilfreich Schubladen und Automatismen einerseits sein können (gerade wenn es brenzlig wird, in Polizeideutsch: wenn »Gefahr im Verzug« ist), so gefährlich sind Klischees, Vorurteile, unhinterfragte Meinungen andererseits, weil sie Denken verhindern können, wo es angebracht wäre. Mir ist bewusst, dass ich mit Aussagen wie »straffällige Personen mit Migrationshintergrund sind ein großes Problem in Deutschland« ein heikles Thema ­anspreche. Nicht erst seit der Sarrazin-Debatte um einen Schwachsinn wie die angebliche Vererbbarkeit von Intelligenz ist klar, dass einem so etwas schnell um die Ohren fliegen kann. Ich habe es mir deshalb lange und gründlich überlegt, ob ich den erneuten Schritt an die Öffentlichkeit tatsächlich wagen soll – und das, obwohl ich keinerlei Zweifel an der Richtigkeit meiner Beobachtungen und Forderungen habe. Wenn es manchem Migranten schon nicht passt, einer Frau in Uniform gegenüberzutreten, wie mag der dann reagieren, wenn diese Frau auch noch ihre kri­tische Meinung in ­einem Buch äußert? Ganz zu schwei­gen von den sozial­romantischen Anhängern eines unkri­tischen Multikulti, die beim ersten Anflug von Bedenken bereits Islamophobie und Fremdenhass wittern.
Dieser Gefahren bin ich mir also bewusst und hoffe sehr darauf, dass mein Buch nicht als Verbreitung von Klischees oder gar Vorurteilen gegen Muslime, Migranten und Männer missverstanden wird. Nur weil ich keine Angst vor den Konsequenzen habe wie so viele, die lieber kuschen, als unbequeme Wahrheiten auszusprechen, lasse ich mich nicht von Bewegungen wie Pegida oder Parteien wie der AfD vereinnahmen. Es geht mir darum, Missstände anzusprechen, und zwar klar und unverblümt, so, wie ich sie jeden Tag erlebe. Es geht mir darum, Täter und Schuldige zu benennen, um zumindest in Zukunft weitere ­Opfer zu vermeiden. Das ist vielleicht im ersten Moment unbequem – für viele Beteiligte. Aber ich bin davon überzeugt, dass es sich auszahlen wird – für alle. Je länger wir warten, je länger wir schweigen, desto mehr gibt es zu ­reparieren.
Tania Kambouri

Daten
224 S., 14 x 22 cm, kart. (Piper)

Beschreibung
Tania Kambouri hatte genug. Wieder einer dieser Einsätze, bei denen ihr kein Respekt entgegengebracht, sondern sie stattdessen wüst beschimpft und beleidigt wurde. Der türkischstämmige Mann, der die Polizei um Hilfe gerufen hatte, war empört: Was wollte diese "Bullenschlampe" von ihm? Warum kam eine Frau - und kein Mann - zum Einsatzort? Vorkommnisse dieser Art erleben Polizisten im Einsatz immer öfter. Als Polizistin und Frau griechischer Abstammung ist Tania Kambouri den Angriffen auf der Straße besonders häufig ausgesetzt. Jetzt setzt sie sich zur Wehr: "Ich will den Finger in die Wunde legen, auch wenn mir bewusst ist, wie explosiv das Thema ist".

Autorenporträt
Tania Kambouri wurde 1983 als Kind einer griechischstämmigen Familie in Bochum geboren. Als Polizeikommissarin fährt sie heute dort auch Streife. Ihren Protest über die wachsende Zahl verbaler und körperlicher Übergriffe auf sie selbst und ihre Kollegen formulierte Tania Kambouri im Herbst 2013 in einem Leserbrief der Gewerkschaftszeitung "Deutsche Polizei". Die Resonanz war überwältigend: Hunderte Kollegen unterstützten ihren Beitrag und ermutigten sie, ihre Kritik in die Öffentlichkeit zu tragen.

Rezension
"Die Autorin schildert die Realität ungeschminkt... Ihr Bericht geht unter die Haut", Schweizerzeit, 20.11.2015




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